Von der Redakteurin Sina Alonso Garcia
Nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen ist für Angehörige meist nichts mehr wie zuvor. Wenn sich Einsamkeit und Traurigkeit breit machen, kann es mitunter schwierig sein, wieder in den normalen Alltag zurückzufinden. „Das Schlimmste für Trauernde: Der Mensch, der ihnen nahestand, ist unwiederbringlich“, sagt Heilpraktikerin Birgit Sinn, ausgebildete Sterbe- und Trauerbegleiterin sowie ambulante Hospizmitarbeiterin in den letzten Zügen ihrer Ausbildung in der Heilbronner Hospizgruppe e.V. „Viele denken, sie müssen den Verstorbenen loslassen.“ Jedoch gehe es nicht darum, jemanden „aus seinem Herzen zu reißen“.
Angemessene Verarbeitung „Bei der Verarbeitung eines Verlusts können Selbstverurteilung, Versäumnisse, Schuldgefühle, Wut und Enttäuschung aufkommen.“ Auch gehe es um die Verarbeitung vergangener und sich neu ordnender Beziehungen. In der monatlich stattfindenden „Trauer-Lounge“ im Mehrgenerationenhaus in Untergruppenbach spricht Sinn mit den Teilnehmern über genau diese Themen. Das offene, niederschwellige Angebot richtet sich an alle Altersklassen. „Aktuell liegt das Durchschnittsalter zwischen 45 und 70 Jahren.“
In der Trauer-Lounge wird aktiv an der Trauer gearbeitet. Das sei auch deshalb möglich, da die Gruppe meist nur aus fünf bis acht Personen bestehe. „Ich bringe jedes Mal ein Thema mit“, sagt Sinn. Immer zu Beginn gibt sie den Teilnehmern die Möglichkeit, zu berichten, wie es ihnen geht. „Dann dürfen Aspekte des Themas in der Selbst- und Gruppen-Reflexion betrachtet werden.“
Wichtig für die Teilnehmer sei es, eine Vertrauensbasis aufzubauen, um sich der Gruppe öffnen zu können. Viele Methoden, die Sinn in die Arbeit in der Gruppe mit einfließen lässt, stammen aus der systemischen Arbeit und aus Ansätzen der Trauma-Therapie. „Dazu gehören beispielsweise innere Bildarbeit, Symbolarbeit, meditative Aspekte sowie Nervensystem- und Selbstregulation.“ Praktische Übungen in Achtsamkeit mit dem eigenen Körper seien für viele Teilnehmer sehr heilsam. „Wenn der Körper etwas Heilsames erlebt, geht es einem auch insgesamt besser.“ Ein Thema sei auch die sogenannte Ressourcenarbeit. Das bedeutet: „Welche Kraft liegt in einem selbst und wie kann man sie aktivieren?“ Auch Rituale für den Alltag zu schaffen, sei eine zentrale Aufgabe der Trauerarbeit – gerade, wenn es um emotional schwierige Tage wie den Geburtstag des Verstorbenen oder Weihnachten gehe.
Erfahrungen teilen Als Selbsthilfegruppe versteht sie die Trauer-Lounge nicht. „Aber man trifft auf Menschen, die Verlust und Leid kennen. Erfahrungen können geteilt werden und man darf sich im geschützten Raum auch Last von der Seele reden.“
Manchmal würden Trauernde einige Zeit nach dem Verlust zu hören bekommen: „Was, du trauerst immer noch?“ Aber: „Jeder trauert, solange er trauert.“ Und dennoch darf sich manches verändern. „Es geht auch um die Erlaubnis zur Trauer sowie den Umgang mit der Bewertung durch andere Menschen.“ Schön zu sehen sei es, wenn sich die Teilnehmer auch über die Gruppe hinaus vernetzen und Freundschaften entstehen. „Einsame Menschen finden wieder Anschluss.“ Genau dafür sei auch das Generationenhaus an sich da, wie Projektkoordinatorin Patricia Bechle erklärt. „Einsamkeit ist ein Riesenthema im Moment, auch bei jungen Leuten.“ Ergänzende Angebote im Mehrgenerationenhaus, die Trauernde besuchen können, seien zum Beispiel Klangschalen-Kurse, Rauhnächte, Gesundheitsworkshop, Waldbaden oder Qi-Gong.
40 000 Euro Fördersumme hat das Mehrgenerationenhaus in diesem Jahr vom Bundesministerium für Familie und Bildung erhalten. „Wir planen, dieses Jahr noch mehr Angebote im Bereich Trauer einzuführen“, sagt Patricia Bechle. „Wir wollen zum Beispiel einen Trauerspaziergang anbieten.“ Auch etwas in Richtung Kreativ-Workshop sei denkbar.
Wissenswertes
www.trauerundgedenken.de,
www.bestatter.de,
www.aeternitas.de
